Fehlerfrei vs. integer

Fehlerfrei vs. integer

Es wird schwierig, als menschliches Wesen perfekt zu sein. Perfekt in allem, fehlerfrei, das ist etwas, das wir von diesem Leben als Vision kennen – oder Wunsch – aber nicht als Realität. Was wir eher kennen, ist eine gespielte Perfektion. Perfekt geschminkt, perfekt gekleidet, perfekt gesagt, perfekt präsentiert. Diese Art von perfekt drückt unsere Stärken aus. Es gibt Dinge, die wir als Menschen besonders gut können – unsere Kompetenzen und Talente. Sie sind ein Aspekt, ein Teil unserer Gesamtheit.

Da Perfektion sehr von der Bewertung und Anerkennung anderer abhängig ist, ist das Leben mit ihr ein auf und ab. Einmal lief etwas super, dann wieder nicht. Einen Tag gab es besonders viele Komplimente, den anderen mehr Kritik. Einen Tag denken wir mit Sonne im Herzen, den anderen betrüben Zweifel oder etwas Misslungenes.

Um dem zu entgehen, können wir als Menschen zur Integrität übergehen. Verlassen wir die Ansprüche an das Perfekte und widmen uns dem erleichterndem Konzept der Integrität. Was bedeutet integer?

In der Sprache der Mathematik ist integer eine ganze Zahl. Kein Bruch wie 3/4, sondern so etwas wie 7, 13, 48. Oder 2, 4, 6, 8. Immer ganz, nicht geteilt. Und das ist auch schon das, was Integrität ausmacht: wir sind ganz, nicht geteilt. Wie sieht das im Alltag aus? Wir verlassen das Land der Rechtfertigungen, der Hättes, der Solltes, der Müsstes. Und gehen über in das, was jetzt in diesem Moment ist.

Beispiel.

Früher schrieb ich:
Hey Susi, sorry, dass ich mich erst jetzt melde. Ich war so am hin- und herrennen, puh. Ich habe so oft an Deinen Brief gedacht und wollte antworten, aber irgendwie brauchte ich Ruhe für die richtigen Worte.

Integer:
Hallo Susi, ich freue mich über Deinen Brief und heute möchte ich Dir antworten.

Die erste Variante könnte man auch so ausdrücken:
Hey Susi, ich habe so ein schlechtes Gewissen, weil ich annehme, dass Du auf eine schnellere Antwort von mir wartest – schließlich sind wir befreundet und Freunde machen das ja so. Ich habe mir so viele Dinge ans Bein gebunden, dass ich jeden Abend völlig k.o. war. Immer wieder kam das schlechte Gewissen hoch, aber ich hatte keine Lust, mir die Zeit zu nehmen, Dir zu schreiben.

Und in der Tat, wird das Gegenüber die Ausflüchte bemerken und wahrnehmen, dass es Wichtigeres in unserem Leben gab. Wir merken es doch auch, wenn uns jemand Ausflüchte und Rechtfertigungen schickt. Der Effekt dessen ist, dass wir Susi zeigen, dass wir sie nicht so sehr wertschätzen wie wir es vorgeben. Das ist schmerzhaft. Und unnötig.

Die zweite Variante, die integere, spart sich die ganzen Entschuldigungen und Rechtfertigungen und geht auf das ein, was wirklich ist. Habe ich mich gefreut über den Brief? Ja, nein. Ja. Und heute möchte ich antworten – im Gegensatz zu den anderen Tagen, an denen ich einfach nicht wollte. Kurz und knapp, ein wertschätzender Einstieg und dann geht es zum Wesentlichen. Da entsteht Raum für echten Kontakt, da hört das Ablenken auf, das beginnt die Ehrlichkeit.

„Was wir über unsere Fähigkeiten denken, wirkt sich auf diese aus.“

„Was wir über unsere Fähigkeiten denken, wirkt sich auf diese aus.“
(Zitat von Albert Bandura, einem der führenden Psychologen des 20. Jahrhundert)

Ich erinnere mich wie gestern daran, dass dieser Satz mir eine ungeheure Hoffnung, Kraft und ein herrliches Werkzeug gab, mit dem ich damals Einfluss auf meine schulischen Leistungen nahm. Wenn ich etwas nicht konnte oder nicht begriff, zog ich mich in mein Zimmer zurück und spielte mit mir selbst ein Lehrer-Schüler-Rollenspiel. Ich stellte mir vor, ich wäre mein Lehrer und tat so als würde ich alles wissen, während ich es mir selbst erklärte. In diesem Spiel lockerte sich mein verkrampftes Festhalten an der Angst, etwas nicht zu können und es machte mir unheimlich Spaß, aus den Fetzen, die ich verstanden hatte und dem Lehrbuch langsam das Puzzle zum Verständnis zusammenzusetzen. Allein das Heraustreten aus der Perspektive des „unwissenden Schülers“, einfach nur das Verlassen einer unangenehmen Rolle, brachte mein Hirn auf die Sprünge und beschehrte mir lauter Aha-Momente.