Ich habe meine Mutter umgebracht

„Ich habe meine Mutter umgebracht.“, sage ich meiner Therapeutin, die mir etwas schräg gegenüber sitzt.

Sie notiert wohl grade das Datum, sieht nicht auf und sagt in einem leicht lehrerinnenhaften, lobenden, ein Mü gekünsteltem Ton „Super!“

Sie schaut auf, kuckt mich beinahe stolz an und fährt fort:

„Sie waren also endlich im Powerkraftwerk? Wunderbar! Diese Wut herauszulassen, das ist so wichtig. Wahrscheinlich hat es sehr viel Überwindung gekostet? Sie haben einen riesigen Fortschritt gemacht.“

Dann lacht sie, ha ha ha, amüsiert sich und meint beschwingt „Dann können wir ja heute die Stunde verkürzen bei so viel Mut!“

Fast will sie die Champagnerflasche holen und feiern – feiern, so musste ich lernen, ist ein wichtiger Schritt. Die eigene Leistung anerkennen, sehen, was man ausgehalten hat und bei einem relevanten Abschluss von Qual feiern. „Sie haben sich getrennt – wow, das sollten wir feiern!“, sagte sie als ich aus Bernds Wohnung auszog.

In diesem Moment wird mir klar, dass sie mich nicht versteht. Meine Freundin Anna hat mir erklärt, woran ich gute Therapeuten erkenne.

„Gute Therapeuten möchten dass Du wächst, dass Du eigenständig wirst, dass Du in der Lage sein wirst mit anderen Menschen stabile Bindungen einzugehen.“, erklärte sie mir. „Sie werden sich zurücknehmen, Dir nichts vorschreiben, Dir nur die entsprechenden Fragen stellen, die Dich im Kern berühren. Sie werden Dich niemals abwerten und sie sind selbst so authentisch wie möglich.“

Ich sehe mir meine Therapeutin an, plötzlich wandelt sich etwas in ihr zu meiner Mutter und wieder zurück. Mein Hirn erinnert sich an Annas Erklärung, doch diese ändert sich zu „Gute Mütter möchten dass Du wächst, dass Du eigenständig wirst, dass Du in der Lage sein wirst mit anderen Menschen stabile Bindungen einzugehen. Sie werden sich zurücknehmen, Dir nichts vorschreiben, Dir nur die entsprechenden Fragen stellen, die Dich im Kern berühren. Sie werden Dich niemals abwerten und sie sind selbst so authentisch wie möglich.“

Wie gut, dass ich sie umgebracht habe.

Eine schlechte Mutter weniger.

Soll ich meine Therapeutin auch… eine schlechte Therapeutin weniger?

„Ich habe meine Mutter wirklich umgebracht.“, sage ich ihr in die Augen blickend.

Ich sehe, in ihrem Blick huscht Angst vorbei. Aber sie ist Meisterin im Banalisieren, also sagt sie:

„Ja, manchmal fühlen sich die Dinge so echt an, dass man selbst Angst bekommen kann.“

Sie will mich nicht verstehen, das kenne ich von der Toten. Ich werde etwas wütend und sage mit Nachdruck, so dass sie es verstehen kann:

„Ich habe meine Mutter umgebracht! Ich habe sie beim Spazieren durchs Industriegebiet die Treppe runtergeschubst. Die hohe Treppe mit 40 Stufen!“

Meine Therapeutin sieht mich entsetzt an. Wie ein Küken, das einen Wolf sieht starrt sie, schrumpft, drückt sich in ihren Sessel, die Kladde fällt, der Stift fällt, ihre Rolle fällt. Da sie nichts sagt, spreche ich weiter und erzähle, dass wir da so gingen, meine Mutter angefangen hätte mich wieder abzuwerten, ich wäre egoistisch, ich würde ihre Bedürfnisse ja nie beachten, sie fühle sich ungeliebt, nicht gebraucht, aber sie könne mir das ja nicht sagen, ich würde ja eh nicht zuhören, wann hätte ich denn das letzte Mal überhaupt gefragt wie es ihr ginge… wir kamen zu der Treppe, es war ein herrlicher Ausblick! Ich sah schon, wie sie ihre Treppensteig-Position einnahm, weil sie Arthrose hat muss sie die Treppe schräg gehen… sie hielt sich am Geländer fest und fuhr mit ihrer Litanei fort, seit ich Kind bin hätte ich ihr sowieso nur vermittelt, dass sie eine schlechte Mutter sei, ich hätte ihr das immer auf die Nase gedrückt, ihr ganzes Leben lang habe sie sich deswegen schlecht gefühlt, sie habe alles für mich geopfert, wann würde ich endlich etwas für sie opfern, mich endlich mal um sie kümmern, wann würde es endlich nicht um mich gehen, sondern um sie, wie könne ich so undankbar sein, mit so einem Kind sei ja das Leben nicht lebenswert, da könne sie sich ja gleich im Garten erhängen gehen und ich würde es vermutlich nicht einmal merken und wäre froh sie endlich los zu sein… ja, vermutlich wäre es am besten, sie würde einfach in ihre Atome zerfallen, um mein freies, egoistisches, modernes Leben nicht mehr zu stören, aber sie habe ja aufgehört mich zu stören, sie riefe mich ja eh nicht mehr an, damit ich mich von ihr als Untertanin nicht gestört fühle, jetzt da ich sie nicht mehr brauchen würde, würde ich sie sowieso ausrangieren und alles, was sie für mich getan hätte, das Haus geputzt, meine Kleidung gewaschen und herausgelegt für den nächsten Tag, sich immer Sorgen um mich gemacht, egal wo gerade in der Welt ich umhergingen würde, mir Geld geliehen für absurde Geschäftsideen… ja, als ich noch ganz klein, ganz klein war, da war ich süß, aber schon mit 3 oder 4 fing es an, dass ich immer meinen Willen bekommen sollte, dass ich nicht auf sie hören wollte, dass da meine Undankbarkeit ihr gegenüber schon angefangen hätte, dass sie sich das hätte besser bedenken sollen, ob sie ein Kind wie mich hätte in die Welt setzen sollen, wozu das letztlich gut gewesen sei… und dann, sie stand immer noch auf der zweitobersten Stufe, dann nahm ich behutsam ihre Hand, gab ihr einen Kuss auf die Stirn, fast hoffte sie ich würde sie noch in die Arme schließen, würde in einer überwältigenden Geste des Mitgefühls, Jesus nahe, sie in den Arm nehmen und trösten. Vom Leben trösten, von der Tatsache, dass sie solch ein schreckliches Kind geboren hatte… und ich musste nur ein ganz wenig drücken, sie verlor sofort das Gleichgewicht, sah mich mit einem wachen Blick an, den ich bei ihr nie gesehen hatte – fast wie Verständnis, wie Erkenntnis – und begann mit dem Rücken voran die Treppe zu fallen. Ich stand oben, sah zu, Tränen füllten meine Augen, ich sah wie sie polterte, hörte wie sie wellenartig schrie, hörte ungeheure Knirsch- und Knackgeräusche, ein sehr großes dabei und dann hörte ich nur noch wie der Körper dumpf von einer Stufe zur anderen prallte, wie er puppenartig immer langsamere Bewegungen machte und schließlich in einer undenkbaren Pose liegen blieb. Tot war sie, kein Zweifel. Ich ging Stufe für Stufe, ganz ruhig die Treppe hinunter bis zu der Stelle, an der ihr Körper lag. Das Gesicht war nach unten gerichtet, der Hals ungesund verdreht. Ich strich ein paar Haare aus dem Weg, sie hatte keine blutigen Wunden oder Stellen, ich drehte leicht ihren Kopf, so dass ihr Gesicht zum Vorschein kam und dann erblickte ich mit Erstaunen, dass sie ein Lächeln auf dem Gesicht hatte. Einen seligen Ausdruck, erleichtert, befreit von Schmerz und Schatten, endlich frei von ihrem eigenen Leid.

In diesem Moment entspannt sich meine Therapeutin, offenbar wurde ihr klar, dass keine Massenmörderin vor ihr sitzt. Nein, ich gehöre zu den 15 % der weiblichen Muttermörder, die nur einen Menschen im Leben töten. Sie räuspert sich, gießt mir und ihr ein Glas Wasser ein, reicht es mir. Das Wasser spült meinen Mund, meinen Geist. Ich bin präsent wie nie zuvor.

„Was geschah dann?“, fragt sie. Die beste Frage, die ich je von ihr gehört hatte.

Ummantelt

Ein Mann. Umworfen von einem Mantel aus Leid, das er nicht mehr erinnern kann. Jeden Tag aufs Neue zusammengewebt, der Mantel so lang wie sein Alter. So alt wie sein Atem, beinah. Er blickt in die Welt und sieht nur das, was sein Mantel ihm zuflüstert. „Die Menschen sind schlecht, das Leben ist hart, Du bist nicht viel wert“. Eine Schleife wie in Trance, wie seichte Musik im Fahrstuhl einer endlosen Fahrt. Der Mann, er versteht nicht, dass er nur den Knopf drücken muss, um aus der Fahrt auszusteigen.

Warum will er es nicht verstehen?

Er denkt der Mantel schützt ihn vor der Welt. Er denkt, dieser Mantel, den ihm seine Eltern als Kind angezogen haben, gehört zu ihm. Er denkt, der Mantel ist seine Haut. Seine echte Haut hat er noch nie gespürt, seine echte Haut, denkt er, ist sein Kern. Doch nichts davon stimmt. Alle Schichten sind durcheinander.
Der Mann, er schleppt sich durch den Tag, den Mantel um und hinter sich. Er wälzt sich in ihm die Nacht, durchgeknittert hält er seine Träume für wahr und schreckt auf – der Mantel?
Manchmal hat er eine Ahnung, eine winzige, wie der Moment kurz bevor das Licht einer Lampe geht und die Nacht hereinlässt. Die Dunkelheit, die Stille ist da, der Mann ist weg.
Die Ahnung verschwindet. Die Ahnung war: vielleicht stimmt es nicht? Vielleicht muss ich es nicht so herum denken? Vielleicht geht es mir doch gut?
Doch er traut sich nicht diesen Gedanken ernst zu nehmen. „Vielleicht geht es mir gut?“. Darf es ihm gutgehen? Darf es ihm besser gehen als seinen Eltern? Darf er genießen? Was wäre, wenn. Das denkt er nicht. Dort hört er auf.
Doch wenn. Wenn… dann hätte er die Arbeit gelassen. Er braucht das ganze Geld nicht. Er würde reisen. Sein Herzblut ist die Welt, in die er sich nicht traut. Weil er sich nicht traut, die Welt einen echten Blick auf ihn zu werfen. Weil er sich fühlt, als wäre er nicht gut genug für die Welt, als könne er nicht dazugehören. Das denkt er, nicht die Welt.
Er würde seine Töchter dichter ansehen, ihr Menschsein entdecken und vor Rührung weinen. Er würde seine Lust einer Frau anvertrauen, die ihn begehrt und sich fühlen lassen. Er würde verstehen, dass es Schuld nicht auf die Art gibt, auf die er sie empfindet. Er würde sehen, dass Schuld, die er anderen zuschiebt, sein Flickzeug für den Mantel ist. Er würde sehen, dass der Mantel abgetragen ist, dass er zum Himmel stinkt, Löcher hat, sich zersetzen will, aber der Mann ihn mit dem Weltbild aus seiner Kindheit flickt. Und sich darauf verlässt. Mit jedem Atemzug glaubt er an das Konstrukt, das für einen Moment gut war. Für eine Wahrheit, für einen Schmerz, den er nicht überprüft.

Maria und das Brot

Plötzlich wurde ihr die Langeweile bewusst, von der sie schon seit längerer Zeit auf Schritt und Tritt verfolgt wurde. Sie stand da, vor dem Regal mit verpackten, in makellose Scheiben geschnittenen Broten und all die gesunden Körner auf ihnen formten sich vor ihrem Auge zu einer unmissverständlichen Botschaft: hau ab!
Sollte sie nun dieses Brot, das sie gerade in der Hand hielt, mitnehmen, oder nicht? Vielleicht würde es ihr weitere Erkenntnisse seiner Brüder aus dem Regal zuflüstern, während sie beim Kofferpacken war? Sie nahm es mit. Eilte dann zur Kasse, verließ den Laden mit aufgeregtem Herzen, stieg in ihren kleinen Peugeot und fuhr nach Hause. Um diese Uhrzeit, 13 Uhr und 7 Minuten, war sowieso niemand zuhause. Die Kinder waren zur Schule und ihr Mann – ganz klassisch – im Büro.
Sie hatte etwa 4 Stunden Zeit, um alles für ihren Ausbruch vorzubereiten. Besser 2 Stunden, wenn sie sicher gehen wollte, dass ihr Mann sie mit seinem Auto nicht einholte. 2 Stunden, um ihr bisheriges Leben zu verlassen – das waren auf den Tag genau 11 Jahre, 2 Monate und 27 Tage.
Sie setzte sich kurz nieder, schloss die Augen, stellte sich vor, ihre Liebsten kämen nach Hause und fänden sie nirgendwo. Es wäre sehr ruhig, vielleicht etwas ungewöhnlich, aber man weiß ja nie, vielleicht hat sie sich in der kleinen französischen Provinz mit einer der zahlreich vorkommenden älteren Tratschtanten verquatscht?
Sie öffnete die Augen. Die Vorstellung, weg zu sein, verursachte ein aufgeregtes Kribbeln in ihrem Körper. Doch dann wurde sie ruhig und Klarheit legte sich über ihren Kopf. Sie wusste nun ganz genau, was zu tun war, was sie einpacken müsste, was sie noch erledigen sollte, um ungestört und vorbereitet zu flüchten.
Sie nahm also das kleine 2-Tage Reisetäschchen ihres Gatten zur Hand und packte ihre liebsten, schlabbrigen langen Röcke hinein, 2 um genau zu sein, den 3 zog sie sich an. Danach streifte sie sich ihr Unterhöschen ab . “Aah”, meinte sie, “so fühlt sich die Welt besser an”. Sie packte 5 ihrer Lieblingsträgerhemdchen und noch 2 Pullover ein, falls es dort, wo die Reise sie hintrüge, auch mal etwas kühler wäre.
Sie griff das Sparbuch der Kinder – sie hätten ohnehin eine gesicherte Schulausbildung mit den Ersparnissen ihres Mannes – und ihre auserwählten Fotos der verstorbenen Familienmitglieder, die sich in ihrem Leben reichlich gequält hatten und ihr jedes Mal als Vorbild dienten es irgendwann besser zu machen. Ihre Tagebücher, 2 Paar Schuhe, ihre Zahnbürste und eine halbleere Tube Zahnpasta, ihren Schmuck (nicht aus Eitelkeit, sondern weil sich auf Reisen sicher eine Gelegenheit bieten würde, diesen endlich zu verschärbeln), ihre Pinsel, die sie nie benutzt hatte und die flauschige Decke aus dem Wohnzimmer würden ihr bei der Reise Gesellschaft leisten dürfen.
Dann ging sie in die Küche, raubte alles Mitnehmbare aus dem Kühlschrank, füllte sich reichlich Wasser in einen großen Behälter und schrieb einen Zettel an ihre Familie: “Es ist Zeit, dass ich was von der Welt sehe. So egoistisch ihr das beurteilen mögt, ich komme in genau 5 Jahren wieder. Bis dahin seid anständig. Mama+Maria”.
Und nichts weiter.
Sie nahm, was sie mitnehmen musste, ging zu ihrem treuen Peugeot, befreite ihre glatt nach hinten zusammengebundenen Haare zu einem imposant und wild wirkenden Haarbüschel und stieg ins Auto. Aha, 3/4 voll, gut. Also noch nicht tanken. Sie nahm den Autoatlas zur Hand und fuhr mit dem rechten Zeigefinger über Deutschland, dann Polen bis nach Moskau. “Ja, Moskau, da verkaufe ich das Auto und den Schmuck. Und kaufe mir dann ein Ticket für die Transsibirische Eisenbahn und fahre geradeweg nach Peking.”
Das war ihr Traum. Seit 7 Jahren fuhr sie diese Strecke ab, immer und immer wieder. Die Landschaft, diese ewige Zugfahrt mit diesem typischen Geräusch der Zugräder auf den Schienen dada-dada, dada-dada… schreibend, fotografierend, mit anderen Reisenden über das Leben sinnierend, andere Kulturen… “Also gut, auf geht’s!”
Ihre alten Kassetten gehörten zum Auto dazu und sie hatte gute Laune. Sie fuhr los. Aufgeregt und zugleich wie eine ruhige, warme Kugel bewegte sie sich durch die Welt. 2 Stunden lang eilte die Landschaft an ihrem kleinen Auto vorbei bis sie unvermittelt bremste und mitten auf der Straße
stehenblieb. “Mist”, sagte sie, “ich habe etwas vergessen!”
Also machte sie kehrt und fuhr den ganzen Weg wieder zurück. Mittlerweile war es schon Abend, also musste sie damit rechnen, dass alle Zuhause auf sie warteten. Das gefiel ihr nicht besonders, aber sie trat trotzdem ins Haus.
Ihr Mann und ihre beiden Schützlinge saßen am Küchentisch, halb besorgt, aber doch wohl auf. “Na, Schatz, diesmal hat es ja eine Stunde länger gedauert als sonst”, ihr Mann sah sie spöttisch an, “Was war es denn diesmal?”
“Es ist immer dasselbe, das weißt du doch!”, entgegnete sie giftig. Wenigstens die Kinder waren nicht so abgeklärt und kamen zu ihr, umarmten ihre Taille. “Mami, wir wollen nicht, dass du gehst”, dann verschwanden sie rasch in ihrem Zimmer und vergnügten sich wie jeden Abend mit irgendwelchen Spielen.
“Maria, ich hab’ doch schon 1000 Mal gesagt, wenn du Urlaub willst oder ein Haustier oder irgendwas – das ist doch kein Problem! Ich kann dir das alles beschaffen!”
“Hmm”, zweifelte sie. “Ach Schatz, komm’ ich helfe dir beim Auspacken und dann essen wir was, hmm?”, meinte er für sie unverständlich gut gelaunt. “Ja”, sagte sie, und “ist gut”, sagte sie auch. “Na siehst du! Du willst doch gar nicht wirklich weg!”, meinte er bis zur Verrenkung einfühlsam. Dann verschwand er irgendwo und sie war kurz allein. In der Küche. Immer diese Küche! Er kam zurück, griff nach dem Brot, das sie gekauft hatte, und meinte kumpelhaft: “Hey, was hältst du von einem saftigen, gesunden Sandwich?” “Ja”, sagte sie und dachte: klar, Bruder, Sandwich ist ja auch das einzige, was du zubereiten kannst! SANDWICH – wie überaus beeindruckend!
Aber dann sah sie das Brot in seiner Hand und schrie “Nein! Nimm das andere, erst das alte!” “Was?! Aber das frische ist doch für Sandwich viel besser! Das alte kannst du doch für was anderes nehmen!” Aber sie riss ihm das Brot aus der Hand und fügt hinzu: “Es ist meins!”
Er sagte nun nichts mehr und nahm das alte Brot. Sie verschwand kurz, legte ihr Brot ins Auto, meinte streng “Du wartest hier” zu ihm und ging zurück ins Haus.
Sie aßen die Sandwichs, ohne auch nur ein Wort zu sprechen. Dann ging sie zu den Kindern, erzählte eine ihrer selbsterfundenen Geschichten, warf danach einen Blick auf ihren Göttergatten, der mittlerweile schnarchend im Sessel schlief und ging zum Auto. “Ich glaube, Brot ist zuverlässiger als Käse. Der letzte Käse gab sehr unklare Zeichen, Brot ist viel souveräner”, meinte sie halbflüsternd und hielt das Brot auf ihrem Schoß. Und fuhr los. Und diesmal fuhr sie wirklich. Und diesmal war sie in Moskau, dann im Zug, dann in Peking und dann hier und dort und am erstaunlichsten war, dass ihr Begleiter in all dieser Zeit nicht anfing zu schimmeln. Auf Brot ist eben Verlass.